Gesellschaft » Etikette
Die Sprache des Fächers
25.01.2010 - 21:52

Das Wort ist ein Fächer!
Zwischen den Stäben
blicken ein Paar schöne Augen hervor.
Der Fächer ist nur ein lieblicher Flor;
er verdeckt mir zwar das Gesicht,
aber das Mädchen verbirgt er nicht,
weil das Schönste, was sie besitzt,
das Auge mir ins Auge blitzt.
(Johann Wolfgang von Goethe, 1749 - 1832)



In den feinen Salons von heute geht keine Frau mehr ohne DAS Modeaccessoire des Jahrhunderts aus. Wer bereits einen verwendet hat, wird wissen, wovon ich spreche: der Fächer. Er macht die Galarobe einfach perfekt. Er wertet auf, er rundet ab, er verleiht dem Auftritt einer Dame den gewissen Schliff. Niemals sollte auf ihn verzichtet werden.

Es geht mit dem Fächer auch die entsprechende Konversation einher, da sich mit ihm hervorragend und dezent Botschaften übermitteln lassen. Doch wie es auch in Gesprächen zu Missverständnissen kommen kann, ist auch die Fächersprache davon nicht befreit. Stellen Sie sich folgende Situation einmal vor:

Monsier Dupont, ein Junggeselle im heiratsfähigen Alter, ist zur Gesellschaft der Baronin Montepierre eingeladen und hat dort die Möglichkeit, auf Brautschau zu gehen. Er begegnet dort einigen jungen Damen, die ihrerseits noch keinen Herrn an ihrer Seite wissen. Jede dieser Damen ist mit einem Fächer ausgestattet.
In einer Unterhaltung lässt eine Dame den Fächer fallen. Dupont, ein galanter Herr, hebt ihn auf, reicht ihn der Dame und plaudert munter weiter und nimmt von seinem Werben um diese Dame keinerlei Abstand. Im Gegenteil.
Als die Dame dann noch beginnt, den Fächer in der linken Hand zu drehen, sollte Monsieur Dupont eigentlich klar werden, was sie ihm sagen möchte. Doch wieder versteht er ihr Signal nicht und bringt sich damit in eine äußerst missliche Lage.
Die Dame beschwert sich über das ungebührliche Verhalten dieses Herrn bei der Gastgeberin, die ihn ohne lang zu zögern bittet, die Gesellschaft augenblicklich zu verlassen.


Was für ein Eklat.
Monsieur Dupont war schlicht in die Geheimnisse der Fächersprache nicht eingeweiht.

Doch gibt es auch Damen, die ohne sich großartig Gedanken dazu zu machen, den Fächer in der rechten Hand flattern lassen und sich dann wundern, dass keiner der anwesenden Herren Interesse an ihr zu haben scheint.

Daher ist es von äußerster Wichtigkeit, sich mit den Gepflogenheiten der Fächersprache vertraut zu machen. Für die Damen genau so, wie für die Herren.
Damit Ihnen kein solcher Fauxpas unterläuft, wie unserem Monsieur Dupont oder jener Dame, möchte ich Ihnen hier eine kleine Auflistung geben, wie man in den Salons und Gesellschaften dezent durch den Fächer miteinander kommuniziert:

Fächerhaltung
Offen liegend in der linken Hand --> Ich würde gern mit Ihnen plaudern
Umgekehrtes in der rechten Hand halten --> Verschlossenheit wird beklagt
Mit der linken Hand vor das Gesicht halten --> ich sehne mich nach Gesellschaft
Mit der rechten Hand vor das Gesicht halten --> folgen Sie mir bitte
Tragen in der rechten Hand --> Sie sind eindeutig zu willig!
Finger am äußeren Rand positionieren --> Ich möchte Sie sprechen!
Mit abgespreiztem kleinen Finger halten --> Auf Wiedersehen!
Hinter dem Kopf haltend --> Vergessen Sie mich nicht!
Auf der rechten Wange ruhen lassen --> Ja
Auf der linken Wange ruhen lassen --> Nein
Geschlossen präsentieren --> Lieben Sie mich?
Fallen oder hängen lassen --> Lassen Sie uns Freunde sein!
 
Fächerpositionierungen:
An das linke Ohr gelegt (auf den Liebhaber gemünzt) --> Verraten Sie nicht unser Geheimnis!
An die Nasenspitze geführt --> Lauscher sind ganz nahe
Geschlossen zum Herzen zeigend --> Ich liebe Dich!
Durch die Hand ziehen --> Ich hasse Dich!
Öffnen und drüber wegsehen --> "Am Abend erwarte ich Dich, mein Liebster"
Langsames Schließen --> Das pünktliche Erscheinen wird zugesagt
Halb geöffnet betrachten --> Gib mir bitte etwas Bedenkzeit
Langsames Entfalten und freundliches Beschauen --> die Werbung wird erhört
Auf die Lippen legen --> Ich möchte von Dir geküsst werden
Über die Stirn ziehen --> Wir werden beobachtet!
Über die Augen ziehen --> Es tut mir Leid! Verzeihen Sie mir!
Ihn weit öffnen --> Warten Sie auf mich!
Halb geöffnet in der rechten Hand halten, flattern lassen und den Blick abwenden --> Ich habe kein Interesse an Dir
Geschlossen in der rechten Hand halten und wiederholt in die Linke schlagen --> Ich bin wütend
Geschlossen an die Stirn legen --> Ich denke an Dich
Geöffnet in der linken Hand halb vors Gesicht halten und sich langsam zufächeln --> Ich bin für alles offen
Mit zwei Fingern über den Rand des Fächers streichen --> Ich will mit Dir allein sein
 
Fächerbewegungen:
In der linken Hand flattern lassen --> Warnung - "wir werden beobachtet"
In der rechten Hand flattern lassen --> Ich lieben einen Anderen!
Bis zu einer bestimmten Anzahl von Stäben öffnen --> Uhrzeit für eine Verabredung wird signalisiert
Schnell durch die linke Hand ziehen --> Untreue wird beklagt
Schnell und hörbar zusammenklappen --> Das Treffen ist nicht möglich
Schnelles oder langsames Fächeln --> Ich bin verlobt bzw. verheiratet
Drehen in der linken Hand --> Bitte gehen Sie - ich möchte Sie los sein!
Schnell öffnen und schließen --> Sie sind grausam!
Geschlossen mit der linken Hand langsam über die linke Wange gleiten lassen --> Du gefällst mir
Geöffnet in der linken Hand halten und dem Herrn dezent zuwinken --> Ich will Dich näher kennenlernen
Den geöffneten Fächer vor dem Gesicht hin und her bewegen --> Es tut mir leid, ich hatte Unrecht

(aus der Zeitschrift "Der Salon", Ausgabe 3, 1888)


Estelle


gedruckt am 03.06.2020 - 20:17
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